Test: Watch Dogs Legion

Passend zum Start der nächsten Konsolengeneration, versucht Publisher Ubisoft die vermeintliche Line-up-Flaute mit zwei etablierten AAA-IPs abzufangen. Sowohl die Meuchelmörder-Reihe Assassin’s Creed als auch die Hacker-IP Watch Dogs sollen dabei samt frischer Anreize aus den abgenutzten, spielerischen Strukturen heraustreten und mit dieser mutmaßlichen “Neuausrichtung” grundlegend an Relevanz gewinnen. Während Assassin Creed Valhalla auf ein noch recht unverbautes Setting setzt, versucht das französische Unternehmen Watch Dogs: Legion mit der Abkehr von einem definierten Narrativ hinzu einem erzähl-starken Protagonisten-Kollektiv aufzuwerten. Ob die vermeintlichen Anpassungen Ubisofts ausreichen, um das Assassinen-Gemetzel nicht erneut in die Belanglosigkeit abrutschen zu lassen, werden wir zum Release im laufenden November erfahren. Watch Dogs: Legion hingegen darf sich bereits seit dem 29. Oktober 2020 auf der PlayStation 4, Xbox One, sowie dem PC (später auch PlayStation 5 und Xbox Series X/S) unter Beweise stellen. Ob das Alleinstellungsmerkmal des Open-World-Blockbusters schlussendlich genügend Tiefe und Authentizität aufbringen kann, um das Hacker-Franchise von der Genrekonkurrenz abzugrenzen, gehen wir im Folgenden auf den Grund.

Spiele als alle und sei niemand

In Watch Dogs: Legion verschlägt es euch erstmals in der Open-World-Reihe nach Europa. Nachdem ihr nun Chicago und San Francisco den Rücken zugekehrt habt, findet sich das Hacker-Kollektiv DedSec in einer dystopischen Zukunftsvision der englischen Hauptstadt London wieder. Von der Hacker-Präsenz Zero Day getäuscht, werden unserer Protagonisten-Gruppe diverse Bombenanschläge zu Lasten gelegt, was uns schlussendlich zwingt die Flucht in den Londoner Untergrund anzutreten. Währenddessen gerät das erbarmungslose Militärunternehmen Albion an die Macht und verwandelt die Metropole schnurstracks in einen Überwachungsstaat, der von Korruption und Gewalt definiert wird. Nun liegt es erneut an DedSec die eigene Unschuld zu beweisen, das autoritäre Regime zu stürzen und der Londoner Bevölkerung ihre Freiheit zurückzubringen. Die Thematik des dystopischen Überwachungsstaat präsentiert sich dabei überaus zeitgemäß, glaubhaft und nicht minder beängstigend – wenn auch mitunter wenig innovativ. Anstatt innerhalb der Story mit spannungsgeladenen Spitzen die Spieler emotional auf ihre Seite zu ziehen, konstruiert Ubisoft eine recht generische und nüchterne Erzählstruktur, die von einem äußerst vorhersehbaren Spannungsbogen getragen wird. Die Geschichte einer Legion haben wir auch schon einmal spannender gesehen! Ubisoft verzichtet dabei bewusst auf einen narrativen Orientierungspunkt, der von einem zentralen Protagonisten getragen wird. Statt mit ausgearbeiteten Figuren wie Aiden Pearce und Marcus Holloway schlüpft der Spieler in die Rolle von prozedural generierten Charakteren, die autonom aus der Gesamtbevölkerung des digitalen Londons erwählt werden können. Diese besitzen zwar individuelle Hintergrundgeschichten, Tagesabläufe und Beziehungsgeflechte, dieses personenbezogene Gesamtkonstrukt schafft es aber selten mit seiner passiven Präsenz aus der Irrelevanz herauszutreten. Die fehlende emotionale Verbindung zwischen Protagonist und Spieler resultiert dabei vorrangig aus spielerischen Versäumnissen. Während Genre-Konkurrenten wie State of Decay durch ein individuelles, zeitintensives Skillsystem den Wert jedes Charakters einzeln definiert, schafft es Watch Dogs: Legion hingegen eine allumfassende „Egal“-Einstellung in Bezug auf das “Ableben” der Individuen zu erzeugen. Gleichsam kommen die Hauptcharaktere vermehrt blass und uninspiriert daher, was ebenfalls aus der starken Gleichartig- und Austauschbarkeit von Fähigkeiten der Rekruten resultiert.

London kann zumindest optisch durch eine beachtliche Beleuchtung sowie die hervorragende Sprachausgabe eine durchaus glaubhafte Atmosphäre erschaffen. Das Spiel leidet dennoch leider auch unter erheblichen technischen Problemen. Neben Framerate-Einbrüchen, aufploppende Texturen, hakeligen Animationen, steifer Mimik und ausschweifende Ladesequenzen, kommt es in Watch Dogs: Legion leider immer auch wieder zu kleineren Abstürzen, die uns oftmals zu einem Spielneustart gedrängt haben – kein Vergleich zur Xbox One-Fassung bei der anfänglich sogar vermehrt Speicherstände den Dienst boykottierten. Sehr bedauerlich vor allem, wenn man bedenkt, dass das Action-Adventure bereits um mehrere Monate verschoben werden musste.

Perspektivwechsel in der Klonkriegerarmee

Auch wenn die multiple Charakterauswahl dem Narrativ nicht sonderlich zuträglich ist, ergibt sich spielerisch ein vollkommen eigenes Konstrukt samt Potenzial, das von „Einzelkämpfern“ wie Marcus oder Aiden so nie ausgeschöpft werden könnte. Zumindest in der Theorie – in der Realität zeigt sich leider ein etwas abgewandeltes Bild. Grundsätzlich sind die prozedural generierten Charaktere mit den differentesten Vorteilen inklusive separaten Waffen ausgestattet. So können einige Bewohner Londons beispielsweise auf vollautomatische Maschinengewehre zurückgreifen während andere den Vorteil einer Schalldämpfer-optimierten Pistole genießen können. Zudem verteilt Ubisoft ebenfalls unterschiedliche passive Boni, die je nach individueller Jobbezeichnungen oder Demografie an die einzelnen Probanden verteilt werden – so sind Spitzensportler beispielsweise recht agil, Anwälte mit einer Gefängnis-Freikarte ausgestattet, während uniformierte Polizisten unentdeckt in abgesperrte Bereiche vordringen können. Das Ganze hebt dank des glaubwürdigen Rahmens zumindest die Immersion innerhalb des Storygefüge partiell an – wenn es doch nicht so schwierig wäre die leckeren Schokostückchen aus dem Rosinenkuchen zu fischen. So wartet der größte Teil der Londoner Bevölkerung vorrangig mit gleichartigen Eigenschaften und Fähigkeiten auf, was dem emotionalen Wert des recht austauschbaren Rekrutenportfolios nicht sonderlich zugutekommt. Spezielle Charaktere lassen sich meist durch besonderen Storyfortschritt und einer Reihe an Nebenquests hinzugewinnen, ganz unmöglich ist das Unterfangen eine fähige DedSec-Spezialeinheit zusammenzustellen also durchaus nicht.

Eure Agenten können neben ihren individuellen Optionen ebenfalls auf ein allgemeines Fähigkeitensystem zurückgreifen, welches ihr übergeordnet innerhalb des Spielgeschehen freischaltet. Unter anderem erhaltet ihr so die Möglichkeit allerhand feindlichen Drohen zu hacken, auszuschalten oder zu übernehmen, Waffenupgrades zu erwerben sowie euren fernsteuerbaren Spider-Bot aufzurüsten – ein auf den ersten Blick recht vielfältiges Portfolio, dass innerhalb der Auseinandersetzungen taktisch klug eingesetzt werden will, im Verlauf eures Abenteuers aber erheblich den abwechslungsreichen Ersteindruck einbüßen muss. Skillpunkte lassen sich zwar nur durch separate Erkundungstouren durch die Spielewelt ergattern, wer die Augen offen hält dürfte aber recht schnell in einem Meer aus Punkten baden dürfen. Da sich dennoch immer nur lediglich zwei Fähigkeiten ausrüsten lassen und sich speziellere Fertigkeiten als vielfach brauchbarer und effizienter erweisen, verliert das ganze System recht schnell an Relevanz. So bringen vor allem Tools wie der Spider-Bot die Balance des Spiels zum schwanken und stellen das gesamte Skillsystem teilweise in Frage. Wer schnell und simpel eine Mission finalisieren will, wird um den mechanischen Arachnoid gar nicht erst herumkommen. Da hatte Vorgänger Marcus dauerhaft mehr Abwechslungsreichtum dank ausbalanciertem Fertigkeitensystem zu bieten, was nicht zuletzt auch auf motivationaler Ebene eine erhebliche Dynamik mit sich brachte.

Wir packen London wieder auf die Karte

Hacking steht selbstverständlich nach wie vor im Fokus des Open-World-Titels und spiegelt sich natürlich auch im spielerischen Ablauf wider. So werdet ihr auch zukünftig Türen entsperren, Wachen ablenken, Informationen stehlen oder Straßensperren aktivieren können. Vor allem beim Leben auf den Straßen Londons hat Ubisoft in diesem Jahr allerdings die Optionen gehörig limitiert. So ist es derzeit beispielsweise nicht mehr möglich die Chatverläufe der Passanten zu lesen oder gar Ampeln in wilden Verfolgungsjagden umzustellen. Wirklich bedeutsam für das Spielgeschehen sind diese optionalen Hacking-Möglichkeiten zwar nicht, rauben der ohnehin limitierten Immersion aber nur noch mehr Raum.

Das Spielgeschehen selbst gibt sich recht simpel und dürfte auch für Watch Dogs- Einsteiger eine nicht sonderlich große Herausforderung bieten. Dabei habt ihr nach wie vor immer die Wahl zwischen aktiven und passiven Vorgehensweisen. Ersteres gibt sich dabei bekanntlich deutlich fordernder. Ergänzt wird das eher unaufdringliche Missionsdesign nicht nur durch seine mannigfaltigen Lösungswege, immer wieder werden auch kleinere Rätsel sowie Geschicklichkeitspassagen eingestreut. Hier müsst ihr Knotenpunkte richtig zuordnen, um den Energiefluss wiederherzustellen oder kleine Drohnen unbeschadet an ihr Ziel geleiten. Das lockert das Spielgeschehen initial zwar auf, verliert sich nach einigen Spielstunden allerdings ebenfalls in seine Wiederholbarkeit und gesellt sich zu dem restlichen repetitiven Wust an Spielelementen, dass Watch Dogs: Legion auszumachen scheint.

London gibt sich dabei recht belebt und optisch abwechslungsreich. Die Stadt wurde zwar weniger akkurat wiedergegeben, was dem Spielfluss aber durchaus zugutekommt. Diverse Highlights wie der Buckingham Palast oder London Eye stützen enorm den Wiedererkennungswert der englischen Hauptstadt und reichen aus, um auch aus der dystopischen Zukunftsvision eine glaubhafte Spielwelt zu kreieren. Der Open World fehlt es dennoch erheblich an Erkundungspotenzial trotz starkem NPC-Fokus. Lediglich einzelne Skillpunkte und Datenpakete, die die Story intensivieren wollen, können in der Stadt geborgen werden. Nebenbeschäftigen wie Barbesuche, Darts oder ein kleinerer Shopping-Ausflug scheitern ebenfalls durch ihre enorme Simplizität und der geringen Bedeutsamkeit, die Open-World sinnvoll zu erweitern. Die Sidequest können hingegen mit einer angemessenen Variabilität überzeugen, die zwar nicht durch die repetitiven Aufgabenstellungen an sich resultiert, sondern vermehrt durch die verzwickteren Levelstrukturen. Wirklich motivieren kann das nur geringfügig, was nicht zuletzt auch in dem eher unwesentlichen Belohnungssystem begründet liegt. Für Missionen aller Art werdet ihr weder mit Erfahrungspunkten, Ausrüstung noch besonderem Equipment belohnt, stattdessen beschränkt sich euer wohlverdientes “Loot” lediglich auf finanzielle Mittel. Diese wiederum können im Spiel nur für rein kosmetische Accessoires investiert werden, was euch spielerisch natürlich keinerlei Vorteile bietet. Ähnlich motivationshemmend zeigen sich die Rekrutierungsmissionen – theoretisch ein fundamentaler Eckpfeiler des Legion-Spielprinzips. Durch die starke Gleichartigkeit der Rekruten samt Ubisofts spontanem Permadeath-Kehrtwende bieten die Sidequests seltenst eine wenig lohnende Gegenleistung, die auf Dauer auch mit den passablen Nebenmissionen nicht hinwegtrösten kann. Ursprünglich als Open-World-Titel mit Permadeath-Funktion angekündigt, öffnet sich der französische Publisher unlängst dann doch vermehrt dem Casual-Markt. So ist es zu Beginn des Spiels möglich zwischen drei differenten Modi zu wählen. Während zwei der Modi (unter anderem einer der von Ubisoft als “Normal ” deklariert wird) euren Charakter nur kurzweilig außer Gefecht setzen, wird der permanente Charaktertod lediglich in einem Modi thematisiert. Permadeath bleibt so zwar eine Option wird von Ubisoft aber definitiv nicht in den Fokus des Spiels gerückt und verkommt mehr zur belanglosen Dreingabe. Schade, denn mit der Gefahr im Rücken jeden Charakter jederzeit dauerhaft verlieren zu können, würde nicht nur der Wert der Rekruten an sich steigen auch die Missionen hätten einen deutlich anderen Stellenwert.

Fazit

Watch Dogs: Legion bietet ein solides Spielprinzip, das zu unterhalten weiß - zumindest temporär. Man kreiert hier bewusst ein freiheitliches Narrativ, dass zwar spielerisch unbestreitbar neue Chancen bieten könnte, erzählerisch aber auf einem schmalen Grat zwischen emotionsfreier Erzählstruktur und individualisierbarem Abenteuer balanciert. Watch Dogs: Legion verliert sich bei dem halsbrecherischen Balanceakt in einem nüchternen, generischen Narrativ, dass durch seine blassen Charakterzeichnungen und dem damit einhergehenden spielerischen Versäumnissen nie wirklich mit seinen Vorgängern mithalten durfte. Dank austauschbarer Charaktere, unausbalanciertem Skillsystem und redundante Spielelemente gelingt es Ubisoft nur geringfügig auch fortlaufend das Potenzial hinter dem neuen Alleinstellungsmerkmal zu nutzen. Stattdessen verliert sich die Hacker-IP in einem Wust aus gutgemeinten, aber halbgaren Spielansätzen, die sich letztendlich auf motivationaler Ebene nicht zu bewähren wissen. Die mannigfaltigen Lösungsoptionen sowie die verzwickteren Levelstrukturen dürfen aber demungeachtet zumindest für kurzweiligen Spielspaß sorgen. Ubisoft riskiert trotz neuem Ansatz schlichtweg nicht genug, um wirklich aus den abgenutzten, spielerischen Strukturen seiner Vorgänger herauszutreten und dem Spielprinzip etwas mehr an Relevanz und “Unverbrauchtheit” aufzubürden. Aber wie sagt man so schön: “Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!”

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